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Ein Interview mit den Krankenhausseelsorgern des Dekanats Westerwald

Sie hören zu, wenn das Leben plötzlich auf dem Kopf steht

Herr Müller freut sich, wenn Frank Dönges ihn besucht. Endlich mal etwas Abwechslung von der Routine aus Visite, Esssen, Schlafen. Und endlich wieder eine Gelegenheit, aus seinem Leben zu erzählen; von den Reisen als Braumeister nach Italien, Südamerika, Nepal. Eine halbe Stunde sitzt Frank Dönges an Herr Müllers Bett;

 


sagt wenig; fragt ab und zu nach, hört aber meistens einfach nur lächelnd zu. Herr Müller mag es, wenn der Krankenhausseelsorger kommt und mit ihm Zeit verbringt. Andere reagieren empfindlicher und machen dicht. Und wieder andere lernen sich selbst völlig neu kennen. Sie erleben, wie die Zeit im Krankenhaus alles durcheinanderwirbelt und neu ordnet. Wie in der Monotonie des Patientenzimmers Gedanken hochkommen, die im Alltag unter der Oberfläche bleiben. Frank Dönges und Inge Orglmeister sind da, wenn die Zeit im Krankenhaus lang wird. Oder das Leben plötzlich auf dem Kopf steht. Wir sprechen mit den beiden Krankenhausseelsorgern des Evangelischen Dekanats Westerwald über bereichernde Gespräche, barsche Abweisungen und neue Perspektiven.

Herr Dönges, warum sind Seelsorger im Krankenhaus wichtig? Ist das Wohl des Patienten nicht Sache des medizinischen Personals?
Frank Dönges: Wie es einem Patienten geht, hängt nicht nur mit der körperlichen Verfassung zusammen. Im Krankenhaus werden Menschen aus dem Alltag gerissen und haben plötzlich unheimlich viel Zeit – auch um über ihr Leben nachzudenken. Oft haben sie dann das Bedürfnis, ihre Gedanken mitzuteilen. Das Pflegepersonal hat allerdings einen sehr strukturierten Arbeitsablauf und kann sich nicht eben mal eine halbe Stunde ans Bett setzen und zuhören. Deshalb ist es gut, dass es Krankenhausseelsorger gibt.



Frau Orglmeister, wie sieht ein Besuch des Krankenhausseelsorgers aus?
Inge Orglmeister: Die Gespräche haben eine Liturgie, einen äußeren Rahmen, und doch verläuft jede Begegnung anders. Nachdem ich das Zimmer betreten habe, stelle ich mich vor und erkundige mich nach dem Befinden des Patienten. Wie es dann weitergeht, ist ganz unterschiedlich. Manche kommen direkt auf das große Thema zu sprechen, das sie bewegt. Andere tasten erst ab, und manche wollen nichts mit Kirche zu tun haben. Sie machen dicht, sobald sie das Wort ,Seelsorge’ hören. Ich respektiere das, lasse sie in Ruhe und widme mich den Bettnachbarn. Dann geschieht oft etwas Interessantes: Diejenigen, die mich abgewiesen haben, mischen sich nun ein, und plötzlich entsteht ein anregendes Gespräch zu dritt.

Und bei Ihnen, Herr Dönges?
Frank Dönges: Wenn ich Ablehnung spüre, lasse ich nicht gleich locker. Ich sage dann, dass ich mich nur erkundigen möchte, wie es meinem Gegenüber geht. Aus dieser unverfänglichen Frage entwickeln sich meistens gute Gespräche. Denn diese Frage beschäftigt jeden Patienten.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie doch einmal barsch abgewiesen werden?
Dönges: Das schmerzt für den Moment. Schließlich bin ich für jedes Gespräch offen, biete mich dem Patienten an und mache mich dadurch verletzlich. Oft sind es Palliativpatienten, die mich zurückweisen. Sie sind in einem Stadium, in dem sie ihre Wünsche klar formulieren, weil viele sich denken, dass sie ohnehin keinen Ruf mehr zu verlieren zu haben. In solchen Momenten ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich etwas in den anderen hineinprojiziere, was er gar nicht will: dass er sich mir öffnet und wir einen intensiven Dialog führen müssen. Wenn ich den Patienten mit solch einer Einstellung begegne, werde ich zurückgewiesen – und zwar zu Recht. Denn andersrum wird ein Schuh draus: Ich bin da, um zuzuhören; nicht, um ein seelsorgerliches Gespräch einzufordern.


Orglmeister: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man gerade die Palliativpatienten nicht überfordern darf. Es kommen Ärzte, Pfleger, Physiotherapeuten, Sozialdienste und Seelsorger auf sie zu und bieten Gespräche an. Der Patient redet sich irgendwann leer. Dabei braucht er manchmal einfach nur Ruhe.



Wie schaffen Sie es, diesen Menschen Hoffnung zu geben?
Orglmeister: Zunächst einmal: Die Palliativstation ist keine Sterbestation. Palliativ bedeutet, dass die Lebensqualität der Patienten verbessert und Beschwerden erträglicher werden. Was das Vermitteln von Hoffnung betrifft: Seelsorge ist ein offenes Gesprächsangebot. Es gibt weder eine Zielvorgabe noch einen Erfolgszwang. Ich möchte nichts erreichen, wenn ich bei einem Patienten bin. Ich bin einfach da. Und wenn die Situation hoffnungslos ist, dann lasse ich das erst einmal zu. Dann gehe ich mit meinem Gegenüber auf die Suche nach vergessenen Quellen der Hoffnung. Manchmal biete ich an, stellvertretend für einen Patienten zu beten; manchmal bittet er mich darum. Es gibt auch Menschen, die trotz ihrer Krankheit vor Hoffnung sprühen. Eines der eindrücklichsten Erlebnisse hatte ich mit einer Frau, die wusste, dass sie bald sterben wird. Trotzdem strahlte sie etwas unglaublich Positives aus, als ich sie besuchte. Sie sagte: „Wenn ich gehe, weiß ich, was ich tun werde: Ich war Postzustellerin und habe dafür gesorgt, dass an meinem Grab ein Briefschlitz ist. Dort können die Menschen ihre Briefe für ihre Lieben im Jenseits einwerfen. Ich trage die dann aus.“ Wenige Tage später ist die Frau gestorben. Eine solche konkrete Hoffnung habe ich selten erlebt.
Dönges: Es gibt eben auch diejenigen, die sich ihren Humor bewahrt haben, obwohl es ihnen dreckig geht. Mir als Seelsorger hilft das, wenn sie in einer schwierigen Situation einen Scherz machen. Lachen ist auch am Krankenbett heilsam. Wir erleben in unserem Beruf die gesamte Bandbreite von todtraurig bis zu humorvoll. Aber jedes Gespräch ist eine Bereicherung. Selbst, wenn es um das Thema Tod geht und selbst dann, wenn es keine Hoffnung mehr zu geben scheint. In solchen Situationen kann ich mein Gegenüber nicht mit einem simplen „wird schon wieder!“ trösten. Aber ich kann aus meinem Leben erzählen; davon, wo Gott bei mir Spuren hinterlassen hat und wie ich erfahren habe, dass Gottes Perspektive größer als meine eigene, hoffnungslose ist. Mein Wunsch ist, dass Patienten eigene Perspektiven aufbrechen und erleben, dass Gott nicht nur da ist, wenn sie gesund sind oder wieder gesund werden

Wie hat Sie die Arbeit als Krankenhausseelsorger verändert?
Dönges: Mein Leben ist spiritueller geworden, seitdem ich als Krankenhausseelsorger arbeite. Ich habe mich darauf eingelassen, dass Gott mich dorthin führt, wo ich gebraucht werde. Anfangs hat mich das verunsichert, aber ich habe oft erlebt, dass der Ort, an dem ich gerade bin, genau der richtige ist.
Orglmeister: Seelsorgerliche Begegnung ist Leben in Verdichtung. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, die Erlebnisse im Gebet abzugeben und Fürbitte zu halten. Schließlich liegt es nicht in meiner Hand, was mit einem Patienten passiert. Alles, was ich tun kann, ist da zu sein und zuzuhören. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Frank Dönges ist seit 2012 Krankenhausseelsorger im Dekanat Selters, Inge Orglmeister ist seit 1996 Krankenhausseelsorgerin; seit 2008 im Dekanat Bad Marienberg. Die Arbeit der beiden umfasst Patientenbesuche in den Krankenhäusern Selters, Dernbach, Montabaur und Hachenburg sowie Gottesdienste an verschiedenen Orten. Inge Orglmeister ist Mitglied im Ethik-Komitee des Krankenhausverbundes Altenkirchen-Hachenburg, außerdem Gemeindepfarrerin in Hachenburg-Altstadt; Frank Dönges ist unter anderem Mitglied des Ethikkomitees des Dernbacher Krankenhauses. Seit dem 1. Januar 2018 sind sie beide im neuen Dekanat Westerwald tätig, zu dem sich die Dekanate Selters und Bad Marienberg vereinigt haben.