700 Jahre Verleihung der Stadtrechte und 25 Jahre Schmiedeclub Weltersburg

Seit einiger Zeit laufen in Weltersburg die Vorbereitungen für das Doppeljubiläum 700 Jahre Verleihung der Stadtrechte und 25 Jahre Schmiedeclub Weltersburg, das am 10. und 11. Mai 2014 gefeiert werden soll.

Wer sich mit unserer regionalen Geschichte nicht näher befasst, wird sich angesichts der Verleihung von Stadtrechten an einen so kleinen Ort mit heute gerade einmal 289 Einwohnern sicherlich die Frage stellen, wie es zu dieser Entscheidung kommen konnte. Die Frage ist berechtigt, zumal Weltersburg damals noch nicht einmal 150 Einwohner zählte. Um eine Antwort zu finden, müssen wir ins Jahr 1314 zurückschauen und uns die damaligen politischen Verhältnisse auf Reichsebene zu vergegenwärtigen, denn die spielten im Vorfeld der Stadtrechtsverleihung eine wichtige Rolle.

Die Fahnensteller haben den Fahnenmast um mehr als drei Meter verlängert. Die Fahne wurde auf dem Bergfried aufgestellt und ist nun weithin sichtbar.

Nach dem Tod Kaiser Heinrich VII. im Jahr 1313 stand 1314 die Wahl eines neuen Königs im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation an. Die Kurfürsten, die den römisch-deutschen König wählten, konnten sich jedoch nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen und so kam es schließlich am 19. bzw. 20. Oktober 1314 zur Wahl zweier Könige. Gewählt wurden, von jeweils nur einem Teil der Kurfüsten, Ludwig IV. der Bayer und Friedrich der Schöne, die von nun an erbittert um die alleinige Macht kämpften. Wenige Wochen nach seiner Wahl zum römisch-deutschen König verlieh Ludwig IV. der Bayer am 19. Dezember 1314 während eines Aufenthaltes in Bacharach Stadtrechte an Hachenburg, Altenkirchen und Weltersburg und kam damit einer Bitte seines Parteigängers Gottfried von Sayn nach. Ludwig wollte mit der Gewährung dieser Vergünstigungen einen Getreuen an sich binden, um sich für die zu erwartenden Auseinandersetzungen mit seinem Gegner Friedrich dem Schönen zu wappnen. Dies geht auch relativ deutlich aus dem Wortlaut der Urkunde hervor. Graf Gottfried von Sayn, der im nordwestlichen Westerwald über ein bedeutendes Herrschaftsgebiet verfügte, nutzte die Gunst der Stunde und bekam was er wollte. Er blieb ein Unterstützer des späteren Kaisers Ludwig, der die Machtfrage im Reich aber erst 1322 in der Schlacht bei Mühldorf zu seinen Gunsten entscheiden konnte.
Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück. Warum erhielt damals neben Hachenburg und Altenkirchen auch Weltersburg Stadtrechte? Die Unterschiede zu den vorgenannten Orten waren auch 1314 gravierend. Hachenburg und Altenkirchen waren schon damals zentrale Orte der Grafschaft Sayn, die sich als Marktorte wirtschaftlich erfolgreich entwickelten und schon ein bescheidenes städtisches Leben aufwiesen. Die Verleihung der Stadtrechte beförderte diese Entwicklung und sicherte sie mit dem neuen Status rechtlich. Angesichts dieser Entwicklung spricht man bei Hachenburg und Altenkirchen auch von „geborenen“ Städten.


Die vorgenannten Voraussetzungen fehlten in Weltersburg völlig. Der Ort lag weit außerhalb der Grafschaft, beherbergte, wie erwähnt, weniger als 150 Einwohner und er verfügte weder über einen Markt noch über bürgerliches Leben. Zudem musste der Graf von Sayn sich die Herrschaft über Weltersburg mit den Herren von Isenburg teilen. Wegen der fehlenden Rahmenbedingungen ist Weltersburg im Gegensatz zu Hachenburg und Altenkirchen damals als eine sogenannte „gekorene“ Stadt zu bezeichnen, die zwar die Rechte einer Stadt erhielt, aber dadurch erst auf den Weg zu städtischem Leben geführt werden sollte. Es war also hier mehr eine in die Zukunft gerichtete Absichtserklärung der Grafen von Sayn. Welche machtpolitischen Interessen und Ziele Graf Gottfried verfolgte, als er Weltersburg mit in die Urkunde aufnehmen ließ, wissen wir nicht. 1355 überließ Sayn Johann von Westerburg die Weltersburg als Pfand für die noch zu zahlende Mitgift seiner Gemahlin Kunigunde von Sayn. Kunigunde wurde Weltersburg nach Johanns Tod als Witwensitz zugewiesen und sie nannte sich fortan Freifrau von Weltersburg.
Die von Kaiser Karl IV. erwirkte Bestätigung der Stadtrechte für Weltersburg im Jahr 1357 ist auch als Versuch der Grafen von Sayn zu werten, die aus 1314 rührenden Ansprüche auf den Ort zu festigen, doch war diesen Versuchen kein Erfolg beschieden, zumal Sayn die versprochenen Heiratsgelder an Westerburg nicht zahlen konnte. Als Kunigunde 1383 starb, erhob Sayn wieder Anspruch auf die Weltersburg, doch ließ sich Westerburg diesen so nahe am eigenen Machtbereich gelegenen Burgort nicht mehr nehmen. Weltersburg blieb von nun an Teil der Herrschaft Westerburg. Auch wenn Westerburg durch die neuerliche Stadtrechtserklärung die Ansprüche Sayns nicht anerkannte, so wurde doch der Status der kaiserlichen Urkunde nicht in Frage gestellt. Bestimmte Privilegien, die sich aus dieser Urkunde ergaben, wurden von Westerburg immer respektiert. Andererseits hat Westerburg eine weitere Entwicklung in Weltersburg aber auch nicht gefördert. Hierzu bestand allerdings auch keine Veranlassung, da in der kleinen Herrschaft Westerburg, die ja selbst nur einige Dörfer umfasste, ein Residenzort vollkommen ausreichte und das neu hinzugewonnene Weltersburg zudem außerhalb dieses kleinen Herrschaftsgebietes lag. Erst 1611, nach dem Zugewinn des Kirchspiels Willmenrod, gelang es Westerburg eine Landverbindung zu seinem vorgelagerten Burgort herzustellen.
Welche Auswirkungen hatten die Stadtrechte für den Ort und seine Bewohner? Zunächst einmal entstanden Belastungen, da spätestens mit der Erhebung zur Stadt eine Stadtmauer errichtet wurde und diese mitsamt der Pforte auch besetzt und instand gehalten werden musste. Von Vorteil war sicherlich die Einrichtung eines eigenen Gerichtes, besetzt mit zwei Schöffen, so dass die niedere Gerichtsbarkeit vor Ort ausgeübt werden konnte. Dieses Ortsgericht bestand noch bis ins 17. Jahrhundert, war aber zuletzt kaum noch besetzt. Ein nicht zu verachtender Vorteil der Stadtrechte war für die Weltersburger sicherlich die Gleichstellung mit den Bürgern von Westerburg in Bezug auf die zu leistenden Frondienste, denn Westerburger und Weltersburger brauchten im Gegensatz zu den Bewohnern der anderen Dörfer der Herrschaft nur leichtere Dienste zu leisten.
Seit dem Ende des Altreiches 1803 gehören auch diese letzten Rechte, die ihren Ursprung noch in der Verleihung der Stadtrechte von 1314 hatten, der Vergangenheit an. Auch wenn die Weltersburger Stadtrechte seitdem „ruhen“ und für die Bewohner von heute bedeutungslos geworden sind, so soll doch am 10 und 11. Mai an diesen interessanten Aspekt der Ortsgeschichte erinnert werden. Die Festtage werden sich jedoch nicht allein die Verleihung der Stadtrechte beschränken, sondern die 900 Jahre Dorfgeschichte insgesamt in den Blick nehmen.
Eine Ausstellung im Dorfgemeinschaftshaus zeigt auf digital aufbereiteten Karten die wesentlichen Entwicklungslinien der lokalen Geschichte auf , immer vor dem Hintergrund der Landesgeschichte des Westerwaldes und der Entwicklung unserer näheren Region.
Die Burg Weltersburg, die am Anfang dieser Entwicklung steht, wurde im übrigen vermutlich vor fast genau 900 erbaut. Der Historiker Wolf Heino Struck geht davon aus, dass die im Reichsauftrag errichteten Burgen Weltersburg und Molsberg etwa zeitgleich, kurz vor 1116, errichtet wurden, dem Jahr, als die Burg Molsberg erstmals erwähnt wurde.
Diese 900 Jahre Ortsgeschichte sind, wie bereits festgestellt wurde, keine Geschichte einer Stadt, sondern bis in die 1960er Jahre die Geschichte eines Bauerndorfes und dieser langen bäuerlichen Tradition soll am Festtag ebenfalls Rechnung getragen werden.
Der Zufall wollte es, dass das Jubiläum des Schmiedeclubs ebenfalls ins Jahr 2014 fällt. Der Verein wurde 1989 auf Initiative von Ewald Habel gegründet und widmet sich seitdem vor allem der alten Handwerkskunst des Schmiedens, die auch in den früheren Bauerndörfern unentbehrlich war. Jedes Jahr im März veranstaltet der Verein in Weltersburg ein Schmiede- und Schlachtfest, um in diesem Rahmen neben dem Schmiedehandwerk auch weitere alte Handwerke vorzuführen. Auch an den Festtagen in Weltersburg wird dies wieder so sein. Darüber hinaus werden Oldtimer-Traktoren und weitere Maschinen ausgestellt, die bis in die Zeit des Strukturwandels in den 1960er Jahren in der heimischen Landwirtschaft Verwendung fanden. So verweisen die Aktivitäten und Ausstellungen des Schmiedeclubs Weltersburg auf die bäuerliche Tradition im Dorf in seiner ausgehenden Phase und ergänzen damit die historische Ausstellung im Dorfgemeinschaftshaus.
Kommen Sie also am 10. und 11. Mai nach Weltersburg, um hier einen interessanten Tag zu erleben. Das vielfältige und abwechslungsreiche Programm an diesen Tagen entnehmen Sie bitte dem Wäller Wochenspiegel und der lokalen Presse.
Text: Jürgen Gläser

Literaturhinweise:
Schneider, Daniel: Die Stadtrechtsverleihung an Altenkirchen, Hachenburg und Weltersburg 1314 im Rahmen der Reichspolitik; in: Heimat-Jahrbuch des Kreises Altenkirchen 2014, S. 103 bis 109
Gensicke, Hellmuth, Molsberg und Weltersburg (Zur Nassauischen Ortsgeschichte); in: Nassauische Annalen 69, S. 202-220, Wiesbaden 1958
Struck, Wolf-Heino: Das Stift St. Maria in Diez mit seinem Vorläufer, dem Stift St. Adelphus in Salz; in: Germania Sacra; S. 245/246, Berlin 1988